Journalismus ohne PR – (k)ein Traum

Eine einfache Antwort auf ihre Frage, lieber Manz, gibt es nicht. Ich versuche es mal mit Differenziertheit (also einem klaren Jein).

Es gibt Tage, da würde mir etwas fehlen ohne PR. Hätte mich der Öffentlichkeitsarbeiter des Vision Summit nicht auf diese Konferenz zum Thema Social Business aufmerksam gemacht, ich hätte diese wundervolle Veranstaltung glatt verpasst. PR sei Dank bin ich nach Berlin gereist und konnte mit dem Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus über die Finanzkrise sprechen. Ein weiteres Beispiel aus den vergangenen Wochen: Der Eigen-PR der Agentur Weber Shandwick verdanke ich es, dass ich die Reputationsforscherin Leslie Gaines-Ross getroffen habe und mit ihr ebenfalls über die Finanzkrise sprechen konnte (nein, es gibt nicht so furchtbar viele andere Themen zurzeit). In beiden Fällen hat PR funktioniert, und zwar nicht nur für die Öffentlichkeitsarbeiter, sondern auch für mich als Journalist. Leider jedoch ist das die Ausnahme.

Der Alltag sieht eher so aus, dass PR-Menschen anrufen, die ich nicht kenne, beauftragt von Unternehmen, die ich auch nicht kenne. Und die Unternehmen sind häufig genug in einem Arbeitsfeld unterwegs, für das ich mich noch nie interessiert habe. Für diesen Teil der Argumentation gibt es so viele Beispiele, dass ich keines aufzuführen vermag. Denn mein Hirn leitet diese Anrufe durch den Filter des Vergessens, zurück bleibt allein das dumpfe Gefühl, schon wieder unterbrochen worden zu sein, und der Drang, den Gedanken vor dem Telefonklingeln wiederzufinden. Deshalb sind die Anrufe auch viel schlimmer als all die Pressemitteilungen, die ungelesen in den Papierkorb wandern. Denn die unterbrechen den Arbeitsfluss nicht. Vorausgesetzt man beherrscht die Kulturtechnik E-Mails löschen einigermaßen.

Ein Kollege von Ihnen, geschätzter Manz, sagte mir einmal: Am Ende gehe es allein darum, etwa 100 Journalisten in Deutschland zu kennen und zum jeweiligen Thema die richtigen von ihnen zu anzusprechen. Er geht sogar so weit, dass er zuweilen Kollegen von mir anruft und sie darauf aufmerksam macht, dass sie auf einem Dutzend Verteilern für Pressemitteilungen sind, und fragt, ob sie das denn wirklich sein wollen. Solche Anrufe würde ich auch gerne erhalten. Auf dieser Basis können Journalisten und PR-Menschen zu reden beginnen.

Meine dringende Bitte deshalb: Lernen sie mich kennen. Und meine Kollegen auch. Erst dann sollten sie unsere Nummern wählen. Und wenn sie zwischendurch ein bisschen streiken wollen, dann geht das in Ordnung.

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