Über die Frage, ob Email-Marketing auch bei Journalisten funktioniert

Einen spannenden Beitrag haben Sie da geschrieben, mein lieber Herr Sievers. Nur seien Sie sich gewiss: Sie genießen (immer noch) einen gewissen Ausnahmestatus innerhalb Ihrer Kollegen-Zunft. Sowohl als Online-Redakteur per se, als auch als Web-Enthusiast. Denn: Die allermeisten Ihrer Kollegen sperren sich weiterhin gegen die Entwicklungen im Web – die es bspw. AUCH ermöglichen (wie Sie ja auch zu Recht darauf hinweisen!), ein Bild über die Themen und Interessen eines Journalisten zu erhalten – wenn man denn danach sucht.

Doch, lieber Herr Sievers, mit dieser Offenheit stehen Sie noch ziemlich alleine da. Konkrete These meinerseits: Viele Ihrer Kollegen wollen nur eins nicht – im Web stattfinden.  Ob dies nur an der Furcht vor dem Feedback der Leser liegt, oder gar an einem mangelnden Verständnis für Kommunikation heute, sei dahingestellt: Wenngleich schon etwas älter, ist die Meinung von Herrn Graff weiterhin bezeichnend.

Das „Sperren gegen das Web“ geht soweit, dass es vor kurzem eine skurrile Situation in unserer Agentur gab. Was war geschehen: Unsere Berliner Kollegen haben eine Presseinformation verschickt – und dies an einen Verteiler, der von unserem Münchner Team erstellt worden war. Genau in der Art und Weise, wie es sich gehört – und wie Sie, lieber Herr Sievers, es immer fordern: Per kurzem Telefonanruf außerhalb der Produktionszeiten, Abgleich der Interessenslage des Journalisten mit dem thematischen Umfeld usw.

Nun, was passiert: Die Berliner verschicken einen thematischen Volltreffer. Etliche Medien greifen daraufhin auf die Meldung zu (was im übrigen überhaupt nicht zu Ihrer These passen mag, nachdem Presseinformationen per se für die Katz wären, weil Journalisten „wie Sie“ nur zwei bis drei Mal im Jahr auf eine zugreifen). Aber einer Ihrer Journalisten-Kollegen ruft wutentbrannt an, woher der Absender die Email-Adresse habe. Zwar sei das Thema super, es sei sein Fachgebiet und er werde berichten. Aber wie ihn diese Email überhaupt erreichen könne? Erst wenn diese Frage beantwortet sei, werde er sich ans Schreiben machen.

Unabhängig von jeder Verteiler-Debatte, bei der sich PR-Spreu stets offensichtlich vom PR-Weizen trennt: Googelt man den Namen des Journalisten, findet man dessen komplette Kontakt-Koordinaten in einer Vorabmeldung seines Mediums, das über Newsaktuell/ ots verbreitet wurde und ihn als Ansprechperson kennzeichnet.

Und spätestentes hier stellt sich für mich die Frage, in welchem Elfenbeinturm etliche Ihrer Kollegen sitzen. Und wahrscheinlich nicht mehr lange sitzen werden. Denn der Wettbewerb, lieber Herr Sievers, um die Informationen und damit um die Informationshoheit, ist bereits im vollem Gange. Und damit meine ich nicht etwa nur den (von Ihnen vermutlich NIEMALS so wahrgenommenen ) Wettbewerb mit uns Berufs-Kommunikatoren – sondern den Wettbewerb mit der Beschleunigung der Informationsströme, ausgelöst durch das Web.

Sie übersehen zudem einen nicht unwesentlichen Punkt, mein lieber Herr Sievers, wenn Sie die hohe Zahl der Presseinformationen anprangern, die Ihren Mailaccount verstopfen. Denn was passiert, wenn Sie an einem spannenden Thema selbst dran sind, und eine Informationen unbedingt brauchen? Nehmen wir einen Krisen-Fall, bspw. im Banken-Umfeld. Ich bin mir sicher: Sie werden eine Presseinformation hierzu – sofern diese handwerklich gut ist – wahrnehmen. Darauf zugreifen. Und am liebsten per Email erhalten – um direkt arbeiten zu können. Oder etwa nicht?

Das leitet über zur Frage, welche Mitteilungen Sie wahrnehmen. Sie zeigen in Ihrem Beitrag, dass bestimmte Betreffzeilen Ihre Aufmerksamkeit erregen, obwohl es inhaltlich komplett nicht ihr Ding ist. Daher kann ich Ihnen verraten: Wir machen uns nicht nur über die Mitteilung per se, sondern auch über die Betreffzeile viele Gedanken.  Bspw. darüber, wie teils sehr sperrige Themen komprimiert abgebildet werden können – mit weniger Zeichen als bei Twitter.  Genau so, dass Journalisten wie Sie mit einem Blick erkennen können, ob – nein: DASS – diese Meldung relevant ist. Dies ersetzt sicher nicht den persönlichen Kontakt – aber es erweitert die Medienresonanz. Nachhaltig.

Hierzu studieren wir immer wieder Ergebnisse von Studien aus dem Online-Marketing. Bzw. der Disziplin Email-Marketing. Übertragen Ergebnisse daraus auf die PR – ohne zu Werbern zu werden. Verlängern die Meldungen suchmaschinenoptimiert im Web – und stellen damit potenzielle Treffer für eine Google-Recherche Ihrer Kollegen bereit. Gehen so neue Wege. Und das alles, ohne darum großes Aufheben zu machen – ganz anders also, als viele Ihrer Kollegen. Die sich lieber weiterhin über die vielen Pressemitteilungen echauffieren, die Ihren Mailaccount verstopfen, die eigene Mailadresse geheim zu halten versuchen, sich für absolute Qualitätsjournalisten halten, sich über PR mokieren – und leider gar nicht mitbekommen, dass sich die Welt um sie herum verändert. Mit massiven Auswirkungen auf ihren Job.

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