Twitter und die lieben Kollegen

Natürlich war es eine Frage der Zeit, lieber Manz, bis Sie die Retourkutsche vor die Tür fahren würden. Erwartet habe ich das schon einige Zeit – und ich verstehe sie gut. Also, Ihre Frage. Sie schreiben:

„Denn im Gegensatz zur PR gibt es m.E. erschreckend wenig konstruktive Ansätze von Medien, Twitter in den Wertschöpfungsprozess zu integrieren. Oder sehen Sie dies anders?“

Da juckt es mich gleich in den Fingern, ihre Behauptung, die PR (schon gar als Ganzes) wisse was sie tue in Sachen Twitter, zu zerlegen, bis sie die Kleinteile kaum noch aufsammeln, geschweige denn wieder zusammensetzen könnten. Aber, nun ja, lassen wir das. Ich versuche es stattdessen mal konstruktiv zu den konstruktiven Ansätzen. Der Einfachheit halber lasse ich die Wertschöpfung zunächst weg und widme mich der Frage, was Medien derzeit mit Twitter anfangen.

Journalisten twittern

Da wären die lieben Kollegen. Die twittern einfach so vor sich hin, mal mit mehr, mal mit weniger Bezug zum Broterwerb. Zum Beispiel die Kollegin Christiane Link, einstmals Redakteurin bei der dpa, heute Herausgeberin einer Zeitung in London, Bloggerin auf www.behindertenparkplatz.de – und bei Twitter einfach @Christiane (ja, wer früh genug dabei war, hat noch seinen Vornamen bekommen). Im Chat ruft sie mir gerade zu, dass Twitter für sie ein Instrument ist, „um mit vielen Leuten auf der ganzen Welt ungezwungen zu kommunizieren und zu erfahren, was diese gerade tun und womit sie sich beschäftigen“.

So ähnlich hat das auch jetzt.de-Chef Dirk von Gehlen beschrieben, den ich schon an anderer Stelle zitierte. Also eine Art Dauerchat mit SMS-Charakter. Wenn ich mir die Tweets der lieben Kollegen so ansehe, dann ist es das vermutlich für die meisten. Sollten Sie sich selbst ein Bild machen wollen, lieber Manz, eine wachsende Liste twitternder Journalisten finden sie hier. Ziemlich weit oben im Ranking stehen übrigens ein paar Online-Chefredakteure.

Twitter als Nachrichten-Feed

Aber das sind ja nur Leute wie sie und ich, werden Sie jetzt einwenden, lieber Manz. Stattgegeben. Kommen wir also zu den Medien. Denen – zumal in ihrer Gesamtheit – kann man kaum vorwerfen, dass sie Twitter ignorierten. Das Gegenteil ist der Fall, die lieben Kollegen basteln auch mit Twitter herum, wenn die gerade im Namen des Broterwerbs am Schreibtisch hocken oder unterwegs auf Recherche sind (zuweilen wird ihnen vorgeworfen, sie beschäftigten sich viel zu intensiv mit dem Twitterdings).

Die einfachste Variante (weil Twitter eine Programmierschnittstelle bietet und es irgendwie zu den Denkstrukturen von Medienmenschen passt) ist es, die eigenen Nachrichten automatisch auf Twitter zu puschen – Twitter wird dann so eine Art RSS-Feed. Sie Kollegen aus Hamburg tun das zum Beispiel mit ihren Eilmeldungen unter @spiegel_eil. Auch FOCUS Online, mein Brötchenbezahler ist dabei, zum Beispiel kann man unter @focusfinanzen lesen, was wie Finanzredaktion auf die Seite beamt. Aufwand und Ertrag (um schon mal die Ökonomie mit einzuflechten) stehen hier sicher in einem sinnvollen Verhältnis zueinander. Das eigene Angebot ist in allenfalls ein paar Stunden angebunden – und es gibt immer Menschen, die genau auf diesen Tweet gewartet haben. Aber vielleicht sehr wahrscheinlich ist das nicht die spannendste Variante, Twitter einzusetzen.

Tweets von Redaktionen

Denn eben noch haben wir gehört, dass Twitter so eine Art Chat ist. Und so ein Chat lebt ja davon, dass da an beiden Enden der Leitung ein Mensch und eben keine Maschine sitzt. Auch das haben einige inzwischen viele Redaktionen erkannt. Die Kollegen beim Springer-Blatt „Welt Kompakt“ twitten als @weltkompakt gerne mal über den Alltag. Wir erfahren, dass Feierabend erst um Mitternacht ist.

Andere, wie zum Beispiel @DerWesten oder wir mit @FOCUSlive, nutzen Twitter vor allem, um auf spannende Geschichten hinzuweisen. Hier und da auch mal zur Live-Berichterstattung bei herausragenden Ereignissen, der „Spiegel“ unter @SPIEGEL_live zuletzt Ende Februar in der Oscar-Nacht. (Eine Medienlese zu Winnenden, Medien und Twitter findet sich hier.) Bei ZEIT Online zwitschern Chefredakteur Wolfgang Blau und ein paar andere unter @zeitonline aus dem Maschinenraum und verweisen auf Neues im eigenen Angebot. Insgesamt also ganz schön viel Getwitter in der Medienlandschaft.

Twitter und die Knete

Kommen wir zum zweiten Teil Ihrer Frage, lieber Manz: Twitter und die Wertschöpfung. Darauf habe ich ehrlich gesagt keine Antwort, zumindest kann ich keine Zahlen nennen, wie Dell das getan hat. Das wäre auch absurd, absurder noch als die Beraterfragen nach den Kosten für eine Nachricht (irgendwo zwischen 15-Minuten-Volo-Lohn und drei Jahren Rechercheurs-Gehalt plus Spesen). Aber natürlich trägt Twitter einen Teil zum Umsatz von (Online-) Medien bei. Denn über Twitter kommen Leser auf die Seiten – und die sehen dann Werbung. Wie viele es sind, weiß ich nicht.

Vermutlich würde Twitter zu ignorieren nicht die Bilanzen verhageln. Doch das hieße, die Leser zu ignorieren, denn mindestens einige von ihnen sind dort. Also müssen auch wir Medien, wir Journalisten dort hin. Mindestens um zu verstehen, was das eigentlich ist – dieses Twitter. Vielleicht ziehen wir irgendwann weiter, weil Twitter doch nur Second Life war, vielleicht sind wir aber auch froh, dass wir so früh dabei waren, weil Twitter Google das Leben schwer macht. Wer weiß das schon … auch die PR nicht, wenn Sie ehrlich sind, lieber Manz.

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