Das Kommunikations- und Medien-Stöckchen des Fiene

Der Kollege Daniel Fiene, lieber Manz, hat ein Stöckchen geworfen. Nun hat es zwar nicht direkt uns beiden vor die Füße geworfen. Doch wir bedienen uns mal frech.

„Was-mit-Medien-Moderator“ Fiene reist in der kommenden Woche nach Leipzig, um mit ein paar Leuten über Medien und Kommunikation zu sprechen. Public Future Lab heißt das ganze. Und da Herr Fiene noch nicht so genau weiß, was er dort sagen soll, hat er ein paar Fragen formuliert. Sie und ich, lieber Manz, könnten ja mal ein paar Antworten versuchen, gell!?

Also, los geht’s:

1. Wie kommunizieren Menschen in Zukunft?

Bei Kommunikation und Zukunft fallen mir vor allem zwei Stichworte ein: Vielfalt und Asynchronität. Ursprünglich ist synchrone Kommunikation. Solange Menschen nur gesprochene Sprache zur Verfügung hatten, konnten sie nur miteinander reden, um sich Dinge mitzuteilen. Irgendwann kamen Zeichnungen und dann die Schrift hinzu. Geschriebenes bietet die Möglichkeit, auch mit Menschen zu kommunizieren, die gerade nicht neben einem stehen. Man kann sogar Menschen etwas mitteilen, die noch nicht geboren sind. Angefangen haben Menschen schon vor ein paar vielen Jahren mit der asynchronen Kommunikation, damals in den Höhlen. Man könnte also formulieren: Der Mensch ist Mensch, weil der asynchron kommunizieren kann.

Auf die Höhlenmalereien, die Bibel und die gepflegte Briefkonversation des 18. und 19. Jahrhunderts folgte: das Telefon. Sprachtelefonie ist sowas wie die moderne Variante archaischer Kommunikation. Zwar muss der Andere nicht mehr neben einem selbst stehen, aber er muss den Hörer abnehmen (für die jüngeren Leser: früher nahm man den Hörer von der Gabel). Er muss also neben seinem Telefon sitzen – und das hing ja in den ersten Jahren am Kabel. Das Handy brachte zwar die Freiheit vom Kabel (immer bis der Akku kracht), doch ich muss Zeit und Lust haben, mit dem Anrufer zu sprechen. Und zumindest bei mir ist es so: Zeit nehme ich mir, wenn es der Job verlangt, und Lust habe ich (fast) nur bei guten Freunden. Synchrone Kommunikation ist irgendwie immer die zweitbeste Lösung.

Wie toll ist doch so eine E-Mail (also eigentlich war, in der Frühzeit des Internets). Und eine SMS. Warum haben so viele Menschen (außer mir) gelernt, auf einer Handytastatur kurze Texte zu schreiben, deren Versenden einen Preis kostet, den man nur deshalb nicht jeden Tag als Frechheit bezeichnet, weil er gelernt ist – und es bisher keine andere Möglichkeit mobiler asynchroner Kommunikation gab. Alles in allem würde ich sagen: asynchron rules!

Damit ist der Erfolg von Twitter (das ist dieses Kurznachrichtendings, das viele – mich eingeschlossen – beim ersten Versuch nicht verstehen) auch kein Wunder mehr. Denn Twitter ist asynchrone Kommunikation, ist ein Dauerchat, in den ich mich einklinke und aus dem ich mich wieder ausklinke, wann immer ich will. Es ist die lange Leine, an der meine Freunde hängen, die lieben Kollegen – und Menschen, an deren Denken ich ohne Twitter nicht partizipieren können. Twitter ist eine Kneipe, in der ich parallel an vielen Tischen sitzen kann und dabei nur den Menschen zuhöre muss, auf die ich Lust habe.

Aber zurück in die Zukunft: Wir werden noch viele Twitters sehen, Kanäle, die den Menschen asynchrone Kommunikation ermöglichen. Und wir werden immer viele parallel nutzen. Ich kommuniziere heute (asynchron) per SMS, E-Mail, Twitter, Blog, Facebook, Dopplr, Flickr – und vermutlich von weiteren Diensten. Und auf jedem Kanal rede ich mit bestimmten Menschen, aber mit niemandem auf allen.

Uff, lange Rede. Die anderen Fragen gehen schneller. Hoffentlich.

2. Wo und wie sollen mir Klassische Medien im Netz begegnen?

Die große Herausforderung für Medien sind die vielen, vielen Kanäle. Im Prinzip sind Journalisten ganz gut vorbereitet auf diese Welt. Schließlich haben sie immer asynchron kommuniziert mit ihren Lesern – potenziell zumindest. Journalist schreibt, Drucker druckt, Leser antwortet mit Brief. Der klitzekleine Haken: Die meisten Kollegen haben nicht kommuniziert. Sie haben geschrieben – und die Leserbriefe hat die Leserbriefredaktion beantwortet. Wenn überhaupt.

Und genau hier steckt die Herausforderung, die viele Kollegen noch nicht angenommen haben: Journalisten müssen lernen zu kommunizieren. Sie werden vom allwissenden Redakteur zum devoten Moderator von Konversationen. Das ist ihre große Chance. Es wird ihre große Aufgabe sein, im Netzgezwitscher die Perlen zu finden. Dabei werden sie nicht nur immer an die Leser denken, sondern auch immer zusammen mit den Lesern handeln. Die Zeit der Leserbriefe ist vorbei. Schon heute muss ein Journalist unmittelbar auf Kommentare reagieren, in denen Leser ihre Freude, Wut und Kritik zu einer Geschichte abladen, die der Kollege ins Netz geschrieben hat.

3. Wer gewinnt mein Vertrauen?

Vertrauen hängt in einer vernetzten Welt an zwei Fäden: Transparenz und Authentizität. Nur wer seine Quellen offenlegt, wer es dem Leser ermöglicht, die eigene Haltung nachzuvollziehen, wird bestehen. Ein – für deutsche Verhältnisse sehr weitgehendes – Musterbeispiel liefert der Blogger, Journalist und Berater Jeff Jarvis mit seinen Disclosures. Er legt nicht nur seine geschäftlichen Verbindungen und die Aktien offen, die in seinem Depot liegen, sondern auch eine politische Haltung und seine Religion. Ich bin seinem Beispiel (noch) nicht gefolgt, halte es aber für beispielhaft.

4. Welche Chancen hat Qualitätsjournalismus im Netz?

Wenn ich das wüsste, wäre ich vermutlich schon Privatier. Im Ernst: Der Journalismus steht vor der immensen Herausforderung, dass die alten Geschäftsmodelle (gedruckte oder gesendete Medien, die vor allem über Werbung finanziert werden – was in vielen Fällen vor allem aufgrund von Gebietsmonopolen hervorragend funktionierte) zerbröseln dieser Tage. Und die neuen (Internetmedien in Schrift, Bild und Bewegtbild mit Werbung oder vom Nutzer finanziert) funktionieren noch nicht.

Ich weiß daher noch nicht, welche Chance es sein wird, die Qualitätsjouranlismus nutzen wird. Vermutlich werden es viele sein: ein wenig Werbung, ein bisschen Geld vom Nutzer und einiges von Stiftungen – vielleicht auch Gebühren). Ich bin aber sicher, dass es Chancen gibt. Denn den Journalismus aufzugeben hieße, unsere demokratische Grundordnung zu vernichten. Und dazu geht es uns deutlich zu gut damit.

5. Wann brauche ich verlässliche Information?

Das ist leicht: immer. Wenn ich Lebensmittel kaufe, ein Auto (könnte ja mal passieren), wenn ich ein Stück Software benutze – und natürlich auch, wenn ich als Journalist etwas aufschreibe. Spontan fällt mir keine Lebenslage ein, in der mir Verlässlichkeit egal ist.

So, Kollege Fiene, bitte bedienen Sie sich, wenn Sie mögen. Und Sie, lieber Manz, was antworten Sie?

Außerdem werfe ich das Stöckchen weiter an Christiane, Christiane, Claudia, Nico und Martin.

Dieser Beitrag wurde unter Journalismus abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

0 Antworten auf Das Kommunikations- und Medien-Stöckchen des Fiene

  1. Pingback: daniel fienes weblog » Blog Archive » fiene & future lab st?ckchen

  2. Christian sagt:

    „Denn den Journalismus aufzugeben hieße, unsere demokratische Grundordnung zu vernichten.“

    Interessanter Satz. Du glaubst, dass es keine Demokratie ohne Journalisten gäbe? Irgendwie kann ich diese Meinung ja schon nachvollziehen. Aber andererseits… in dieser Absolutheit… Ich weiß nicht…

  3. Pingback: Twitter ist wie eine Kneipe - » Blog Archiv

  4. Wenn Demokratie und Journalismus nicht irgendwie zusammengehörten, müssten die Diktaturen (und auch einige demokratisch gewählte Regierungen) Medien ja nicht kontrollieren.