Von Social Media, Releases und so Schnickschnack

Vor einiger Zeit, möglicherweise erinnern Sie sich, lieber Manz, fragte ich: Warum eigentlich noch Pressemitteilungen per E-Mail? Heute muss ich zugeben: Die Frage war naiv, schließlich will sie der Kunde und schließlich zahlt er für das, was er will. Aber eigentlich, lieber Manz, war die Frage vor allem eines: Sie war deutlich zu kurz gesprungen. Denn inzwischen Frage ich mich: Wozu überhaupt noch Pressemitteilungen?

Nun könnte ich wieder davon anfangen, dass mich eine ihrer Kolleginnen angerufen hat, um mir ein Thema anzubieten, dass ich auf den ersten Blick sogar ein kleines bisschen interessant fand. Und dass eben diese Kollegin mir dann, um mich zu informieren, worum ich gebeten hatte, eine Pressemitteilung schickt, die schon ein paar Tage abgehangen ist. Und dass ich das, nun ja, sehr unprofessionell finde. Themen aus der zweiten Reihe hätte ich dann doch gerne vorab. Denn wenn die ganze Welt die Pressemitteilung schon bei Google findet, dann wird nicht der Sievers was hinterherschreiben. Das wird er erst recht nicht tun, wenn in dem Thema kaum mehr steckt, als im Pressetext bereits gesagt ist. Aber das nur am Rande. Ich wollte Ihnen ja eine andere Geschichte erzählen, lieber Manz.

Angestoßen haben meine erneuten Überlegungen zur Pressemitteilung ausgerechnet die Kollegen von der dpa-Tochter newsaktuell. Und das finde ich gleich doppelt erstaunlich. Schließlich gilt doch die dpa insgesamt als der große, zuweilen sehr schwerfällige Tanker, den Wolfgang Büchner nun zu einem schnittigen Schnellboot machen soll (erst kürzlich weinte sich ein geschätzter Kollege mit einem Anstellungsvertrag in Hamburg bei mir über den Bürokratismus seines Arbeitgebers aus). Außerdem verdient die Tochter newsaktuell ja eben mit dem Versenden von Pressemitteilungen einen Haufen Kohle. Für den Konzern wäre es, auf den ersten Blick, also nicht besonders schlau, wenn gerade sein Ableger den Ast absägte, auf dem mindestens die linke Pobacke hockt.

Die Kollegen von newsaktuell versenden nicht nur Pressemitteilungen. Sie organisieren unter dem Titel mediacoffee auch Diskussionsrunden zu Medienthemen, die zuweilen sehr attraktiv besetzt sind. Nun begab es sich, dass ich zu einer Runde in München geladen war (als Zuhörer), aber nicht konnte (was mich echt gewurmt hat). Ich wollte trotzdem und unbedingt mitbekommen, was die Diskutanten, unter ihnen der Chefredakteur der „Süddeutschen Zeitung“ Hans Werner Kilz und Wolfgang Blau, der oberste Journalist von ZEIT ONLINE, sich so zu sagen haben. Mein Kanal der Wahl war: Twitter. Und der funktionierte prima. Im Publikum saßen eine oder zwei Handvoll Menschen, die für mich Gatekeeper gespielt haben und mir die wichtigsten Positionen aus der Runde auf den Bildschirm geliefert haben. Live. Sehr lässig, das. Das Ergebnis kann man noch heute in der Twitter-Suche nachlesen (es war der mediacoffee vom 15. Juni 2009).

Was mich in der Tat erstaunt hat: Auch die lieben Kollegen von newsaktuell haben getwittert. Das ist zwar konsequent, schließlich bietet die dpa-Tochter auch Workshops an, darunter einen zur Online-PR. Erwartet hätte ich es dennoch nicht. Ich war entsprechend entzückt. Doch schon im nächsten Moment habe ich mich gefragt: Wozu dann eigentlich noch eine Pressemitteilung (zumal die erst am nächsten Tag kam). Neues stand nicht darin. Die Positionen der Diskutanten hatte Twitter mir mindestens zwölf Stunden früher geliefert (auch Blogs waren langsamer und haben kaum tiefer geschürft als Twitter, aber das nur am Rande).

Da ich nun weiß, lieber Manz, dass sie diese Fragen zum Kern des real existierenden Geschäftsmodells ihrer Spezies besonders mögen, stelle ich sie auch gerne erneut: Warum also noch Pressemitteilungen?

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0 Antworten auf Von Social Media, Releases und so Schnickschnack

  1. Stephan Fink sagt:

    Guten Morgen,
    ein schöner Text, der eine Frage unterstreicht, mit der sich alle PR-Treibenden, Journalisten und auch Web 2.0-Protagonisten auseinander setzen sollten.
    Sie fragten nach Gründen für die Pressemeldung. Da sollte man zu erst unterscheiden zwischen denen mit und denen ohne Inhalt, News und Relevanz. Da beantwortet sich die Frage von alleine.

    Bleiben bei wir bei denen mit Inhalt.
    1.) so groß die Begeisterung – auch bei mir – für Twitter&Co ist, über diese Kanäle erreicht niemand – ob Unternehmen, NGO, Poltik, … – auch nur annähernd alle die er erreichen möchte und !muss!
    2.) das „berechtigte Informationsinteresse“ von Stakeholder-Gruppen und – gerade bei Börsen-notierten – sogar gesetzliche Notwendigkeiten zwischen PR-Verantwortliche zu Kommunikationsmaßnahmen, die einem „informatorischen Gleichbehandlungsgrundsatz“ genügen.
    Die immer stärker – von allen – geforderte Transparenz, auch ohne gesetzliche Verpflichtung sorgt hier für zusätzlichen Auftrieb
    3.) Nun haben Informationen die Angewohnheit, dass sie in irgendeine Form gegossen werden müssen, die verständlich, aussagekräftig, valide auch auch rechtssicher ist. Die Pressemeldung welcher Art auch immer, ist eine davon. 140 Zeichen reichen da selten aus
    4.) der Verzicht auf aktive, in manchen Fällen nervige Distribution via reitenden Boten oder E-Mail, ist – zumindest heute noch – nicht rechtssicher. Zudem glaube ich, dass die Bekanntgabe einer wichtigen Information über einen Blog oder einen Tweet, von der nach wie vor deutlich größeren Zahl an Nicht-Vernetzten als Verschleierungstaktik interpretiert würde. Denn so spannend und zukunftsweisend die Web 2.0-Bewegung in diesem Bereich ist, aktuell ist das noch immer ein Minderheitenprogramm. So qualitativ hochwertig ein guter Teil der Inhalte dort auch ist.

    Das die gestellte Frage in Zukunft immer drängender wird, ist klar. Ich bin gespannt, welche Kommunikationsformen sich perspektivisch entwickeln werden. Deshalb bin ich auch mit dabei. Das braucht aber Zeit.

    Ich wünsche einen schönen Tag Stephan Fink

  2. Michael Hopf sagt:

    Schönen guten Tag,

    gute Frage und interessanter Beitrag. Ich kann dem Kommentar von Herrn Fink voll zustimmen und will noch salopp anmerken:

    Greenpeace nutzt alle Mittel – Social media und klassische Instrumente – aber es handelt sich bei den Empfängern nun mal um unterschiedlich Interessierte. Auch Journalisten, die twitter nutzen, erwarten dort keine breaking news. Es gibt die Presseerklärung immer noch, weil sie einfach sehr gut funktioniert. Das ist das Entscheidende. Alle neuen Wege kommen hinzu, ersetzen aber erst mal nichts.

    Mediacoffee bietet anregende Veranstaltungen, aber warum sollte für Berichte die Schnelligkeit ein wichtiger Faktor sein? Ob ich am gleichen oder am nächsten Tag oder erst eine Woche später in einem Artikel davon erfahre, ist für mich völlig unwichtig. Gutes Beispiel dafür, wo man mit Entschleunigung ansetzen kann.

    Mit besten Grüßen

    Michael Hopf

  3. Meike Leopold sagt:

    Hallo Herr Sievert, nicht ganz unberechtigt, Ihre Frage. Auf jeden Fall müssen wir uns mehr und mehr selbst befragen über die Relevanz unserer Meldungen bzw. über den jeweiligen Kanal, auf dem wir eine Firmennews verbreiten möchten.

    Freut mich übrigens, dass die Twitterei neulich bei News Aktuell Sie auf das Laufende gebracht hat. Ich hatte hinterher allerdings wunde Finger 🙂

    Viele Grüße, Meike Leopold

  4. Pingback: Über die Frage, ob Journalisten immer (noch) die Primär-Zielgruppe von PRlern sind | PRlen

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