Vodafone sucht die Generation Upload

Eben, als Sie schon auf dem Weg zum Lunch waren, lieber Manz, habe ich mir Vodafones erste Pressekonferenz mit Livestream und Facebook-Integration angesehen. Und ich muss gestehen, ich habe mich geschämt. Ein bisschen Fremdschämen für Vodafone war dabei, aber vor allem habe ich mich selbst für mich und meinen Berufsstand geschämt. Denn Journalisten (und damit auch ich, zumal ich in einem früheren Leben viel über Vodafone geschrieben habe) lassen zu, dass es solche Pressekonferenzen gibt. Bisher war das nicht so furchtbar schlimm, hat ja keiner gemerkt. Aber jetzt hat Vodafone so eine Veranstaltung ins Internet übertragen, und da können bekanntlich alle zugucken.

Bevor ich meine Scham ausführlicher erkläre, beglückwünsche ich die Damen und Herren von Vodafone. Der Mobilfunkanbieter hat eine Pressesprecherin fürs Soziale im Netz, er twittert, hat sich ein Blog zugelegt und scheint es mit den Sozialmedien insgesamt ernst zu meinen. Offenbar hat da ein Unternehmen verstanden, wo die eigenen Kunden unterwegs sind. Das ist zunächst gut für Vodafone, und es ist – das ist entscheidend – auch prächtig fürs Netz, vor allem deshalb, weil die Mobilfunkanbieter der Entwicklung des mobilen Internets mit teuren und undurchsichtigen Tarifen in den vergangenen Jahren im Weg gestanden haben – und ihn noch heute nicht komplett freigegeben haben. So, das war das.

Zugleich aber ist mir diese Live-PK ausgesprochen peinlich gewesen. Es ist eine Pressekonferenzen nach der, hätte ich über sie berichten müssen, ich nicht gewusst hätte, was ich schreiben soll. Vorträge und Folien waren vollgepackt mit Buzzwords und Versprechen, die natürlich niemand überprüfen kann. Stellt Vodafone wirklich seine Kunden an die erste Stelle? Was heißt es eigentlich, wenn der Konzern die Nutzer empowered? Und wer war noch gleich die Generation Upload? Die meisten leeren Phrasen habe ich mir, wie immer in solchen Fällen, nicht merken können (ich sitze dann gerne mit einem leeren Block da und frage mich, ob ich vielleicht nur etwas nicht verstanden habe). Leider kann ich sie auch nicht nachlesen, weil Vodafone noch keine Pressemitteilung und auch die Folien nicht online gestellt hat. Aber das kommt bestimmt noch.

Das ganze sah dann so aus:

Sceenshot

Links der Stream und die Protagonisten, rechts die Kommentare, die die geneigte Netzgemeinschaft über Facebook posten konnte.

Eines muss man Vodafone lassen: Sie haben es gewagt, und sie haben etwas auszuhalten gehabt. Eine Kostprobe:

Von Sceenshot

Was Vodafone geschafft hat: Sie haben ihre bisherige Kommunikation technisch mit dem Internet verbunden, haben nicht nur aus einer Pressekonferenz eine öffentliche Veranstaltung gemacht, sondern über die Facebook-Kommentare sogar einen Rückkanal eingebaut (der nach meinem Empfinden nicht zensiert wurde, zumindest meine Postings wurden unmittelbar veröffentlicht). Das ist schon ein Schritt.

Was Vodafone nicht geschafft hat, ist seine Kommunikation, also das, was sie sagen und zeigen, auf die von ihnen erfundene Gerneration Upload einzustellen. Die Pressekonferenz war genau das, was Pressekonferenzen eben sind, wenn sie – im herkömmlichen Sinne – professionell organisiert sind. Und das ist nichts anderes als: Gatekeeper-PR, wie sie klassischerweise funktioniert (hat). Einziger Unterschied: Die Netzgemeinde darf lauschen, kommentieren und am Ende werden sogar zwei, drei Fragen von der Facebook-Seite vorgelesen. Nicht dass wir uns falsch verstehen, lieber Manz, das ist mehr als nichts, das ist ein nicht ganz kleiner Schritt. Und doch ist es: peinlich.

Um das zu verstehen, versetzen wir uns mal in die Rolle des unbedarften Zeitungslesers, der an den Journalismus glaubt. Bisher dachte unser Leser, Journalisten sind nah dran, Journalisten wissen, was geht. Jetzt sieht er diesen Stream, sieht Journalisten, die sich Notizen machen, am Ende noch drei (unbedarfte) Fragen stellen (O-Ton: “Ich glaube, Vodafone istja auch ein internationales Unternehmen, oder? Wird die Kampagne auch in anderen Ländern laufen?”) und dann gerne einen Imbiss nehmen (O-Ton Vodafone: “Wir haben keine Kosten und Mühen gescheut, nur am Wetter haben wir gespart.”). Da muss sich unser Leser doch fragen: Sind das wirklich meine Helden, die Journalisten?

Ja, lieber Manz, das hier ist eine Selbstkritik. Denn auch ich habe an solchen Pressekonferenzen teilgenommen (und war auch hier und da zu unvorbereitet, um eine kritische Frage zu stellen). Also habe auch ich zugelassen, dass es diese Veranstaltungen gibt. Mea culpa.

An der Darbietung von Vodafone gibt es viel zu kritisieren. Und doch sehe ich vor allem eine Chance: die Möglichkeit auf ein authentischeres Miteinander. Wenn andere dem Beispiel folgen – und das hoffe ich sehr –
holen sie auch uns Journalisten aus der Ecke des Gatekeepers und zwingen auch uns dazu, uns der Konversation da draußen zu öffnen, den Gespräch über unsere Texte und die Themen unserer Berichterstattung. Eben das brauchen wir dringend. Und deshalb mag ich nicht nur auf Vodafone herumtrampeln, sondern blicke nach vorn. Üben müssen wir alle dürfen.

Update: Christian sieht Vodafone auf einem guten Weg. Ich übrigens auch, falls das nicht klar geworden ist.

Update_2: Vodafone hat es dann doch geschafft, die Pressemitteilung ins Netz zu stellen.

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20 Antworten auf Vodafone sucht die Generation Upload

  1. Christoph Maier sagt:

    Ich war dann mal so frei und habe hier ein paar seiten aus dem PK-Chat gescreenshottet und als Galerie abgeleg. Nachlesen und mitgruseln.

    http://macomber.posterous.com/hah-spa-nutzerkommentare-aus-der-vodafone-pk

  2. Sehr schöne, treffende Zusammenfassung.
    Leider scheint es umso häufiger vorzukommen dass Buzzwords und “open space Versprechungen” gemacht werden, je mehr sich Unternehmen in den Bereichen Social Media engagieren. Sind das die Berater die versuchen mit diesen Dingen zu punkten? Oder die Vorstandsebene, um eine neu verlautbare Strategie zu rechtfertigen, mit schön formulierten (aber für jedes Unternehmen passende) Botschaften nach außen trommelt?

    Ich hätte mir, gerade weil man im Vorfeld das “soziale Engagement” so betonte, auch eine offenere Kommunikation gewünscht. Was ist nun wirklich Sache bei Vodafone. Warum das ganze, die Strategieänderung und neue Positionierung. Welches Leistungsversprechen steht nun konkret dahinter. Das sind normalerweise Grundelemente einer Markenstrategie und wesentlicher Bestandteil der darauf aufbauenden Unternehmenskommunikation.

    Buzzword-Mania mag sich gut unter der 1. Managementebene machen etc. machen … aber sicherlich nicht im offenen Dialog mit Kunden.

  3. su franke sagt:

    Danke Dir für die kritische wie auch lobende Zusammenfassung. Es ist nicht einfach für PRler (so ich auch eine bin). Die Herausforderung Social Media scheint zumindest als “Instrument” inzwischen bekannt.

    Was aber draus machen? Ich glaube, Instrumente wie PK und auch PI sind über kurz oder lang tot. An deren Stelle sollte eine neue Grundeinstellung treten: Weg von Instrumenten hin zu Menschen, die sich austauschen (in Netzwerken als Multiplikatoren, aufrichtig) Warum sprechen PRler überhaupt noch von Bezugsgruppen wie Journalisten, Medien, Kunden, Bloggern, Journalisten, Mitarbeitern, Aktionären .. gleichermassen?

    Zur Strategie sollte ständige Kommunikation werden, Aufrichtigkeit statt Buzzwords, Einblicke in die wahren Ziele eines Unternehmens. Negativ-News und Pannen kann man ehrlich kommunizieren. Das lässt sich eh nicht verheimlichen. Vorgefertigte Marketingtexte will keiner sehen. Kommunikation findet statt und wird heute weniger gesteuert. Gut so.

    Die neue Ehrlichkeit, wie es Henning von Vogelsang nennt, ist Grundlage für die neue Kommunikation eines Unternehmens. http://www.slideshare.net/core/an-honest-interactive-brand-consultant

    Also statt Buzzwords Menschen! schlag ich vor.

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  5. Dein Einwand “Was Vodafone nicht geschafft hat, ist seine Kommunikation, also das, was sie sagen und zeigen, auf die von ihnen erfundene Gerneration Upload einzustellen.”
    erinnert mich an meine Forderung hier:
    http://off-the-record.de/2009/07/08/vodafone-setzt-robert-basic-und-sascha-lobo-in-den-werbe-bus/
    “Die Nutzung der Features ist aber nur das eine. Transparenz, Gesprächsbereitschaft, Nähe zum Kunden muss aber auch im Unternehmen “gelebt” werden.”
    Unternehmenskultur switchs man halt nicht eben mit dem Launch einer kampagne um.
    Und was die PK angeht: ist doch genau unsere Aufgabe, hier die Luft rauszulassen.

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  8. scham ist vielleicht die menschlichste unter den elementaren emotionen, zu der menschen fähig sind. waren sie, bjoern, tatsächlich so berührt, dass sie sich für vodafone und für sich selbst schämen/fremdschämen mussten? – wozu soll diese rhetorische floskel gut sein und woher wollen sie wissen, was der unbedarfte leser von einem journalisten verlangt?

    journalisten sind keine helden, erst recht nicht, wenn sie sich mit notizblöcken in PR-PKs setzen & der veranstaltung auch noch was positives abgewinnen wollen. journalisten müssen wie alle anderen auch, ihre brötchen verdienen, so schauts aus – von wegen gatekeeper..

    sorry, irgendwie hab ich die absicht ihrer PRlen nicht kapiert..

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  20. kkanzler sagt:

    wäre aber wahrscheinlich ne interessante veranstaltung fürs bullshit-bingo geworden ;)
    ansonsten halt mal wieder ein konzern der voll aufs web-zwo-null einsteigt und denkt, mit ein paar aktivitäten in social-gedingens-online-zeugs lockt man die große kundenschar – bleibt nur zu hoffen, dass jemand von dort die kritik liest und sich zu herzen nimmt, vllt wirds dann auch was mit günstigen mobilverträgen für den datenaustausch der “dschänäräschen ablood” (was auch immer das sein soll)

  21. Pingback: Offenheit ist gut - und will gelernt werden, PR-Küche

  22. Pingback: Die Zukunft der Pressekonferenz « Das Kulturmanagement Blog

  23. Helen Vatter sagt:

    Das Problem hierbei ist nicht Social Media, die Kanäle oder die Tools, sondern ganz einfach der Content. Wenn es sich dabei um eine langweilige Pressekonferenz handelt dann braucht man sich nicht wundern, dass es die User nicht interessiert.

    Deshalb: Erstmal überlegen, was interessiert denn unsere Kunden, was könnten wir ihnen bieten? Und dann welche Social Media Kanäle und Plattformen könnten und dabei helfen.

    Peinlich ist also nicht Vodafone’s Einsatz von Social Media sondern der Content. Für mich ist da mal wieder ein Beispiel einer Firma, die zwar Social Media nutzen will, gleichzeitig aber nicht ihre Kontrolle über Inhalte und Feedback aufgeben will.

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  31. “Moderne” Konzepte – ausgeführt mit der ollen Denke von Gestern. Produkte von Gestern und Versprechen aus heisser Luft. Echt, authentisch, einfach? Nein. Furchtbar konstruiert.

  32. jay c sagt:

    Ich finde die tolle Vodafone-Kampagne genial. Da waren Top Kreative am Werk, die eine innovative und starke partnerschaftliche Marke wie Vodafone neu und spannend inszeniert und damit den Kunden die Produktvorteile nahebringt. Die starke internationale Marke Vodafone trumpht hier mit Topstars der Szene auf und spricht genau die Sprache der Kunden. Vodafone spricht damit auf Augenhöhe der Kunden und ist ein starker und trendsicherer Partner rund um die digitale Kommunikation von heute und von morgen. Vodafone bedient die komplette Klaviatur der digitalen Welt. Web 3.0. Ein Top-Treffer für die Kreativen von Scholz und Friends. Die hohe Resonanz spricht klar für sich. Natürlich hat so ein starker interdisziplinärer Auftritt Neider.

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