Warum Journalisten drei Dinge lernen sollten

Eine Steilvorlage, Ihr Mixed-Posting, lieber Manz. Eine Erinnerung zugleich. Denn schon seit Tagen will ich über den Journalisten der Zukunft von Adam Westbrook nachdenken. Nun also, ich denke. Und ich blogge dabei, denn was gibt es Schöneres. Da ich vermute, dass Sie das differenzierte und dadurch etwas längliche Posting des Kollegen Westbrook – wie so oft – nicht bis zur Neige gelesen haben, zunächst eine Zusammenfassung.

Westbrook, selbst Multimedia-Journalist, der gerne alle Mediengattungen in sich vereint, wenn man diesem Foto glauben darf, hat genug davon, auf Holzmedien und anderen Anhängern einer verblassenden Welt herumzutrampeln, und versucht es mal konstruktiv. Dazu konstruiert er sieben Typen, die auch morgen noch ein Leben als Journalisten werden verdienen können. Folgende:

Der Alleskönner

Fotografiert, dreht, schneidet, schreibt – und kann seine Arbeit auch ansprechend ins Web beamen.

Der Webdesigner

Das ist der Typ, der fließend XHTML, CCS und andere Dinge spricht und schreibt.

Der Kollaborateur

Journalisten werden in Zukunft seltener in festen Strukturen arbeiten, stattdessen sammeln sie sich und andere Spezialisten für Projekte immer wieder neu.

Der Spezialist

Das Geld liegt nicht mehr auf der Straße, sondern in der Nische, Spezialisten überleben (auch allein).

Der Flexible

Überleben wird, wer sich an die neuen Verhältnisse anpasst, sich für einen neuen Journalismus ausbilden lässt.

Der Erneuerer

Journalisten nehmen ihr Schicksal in die Hand, entwickeln ihr (eigenes) Geschäft und schaffen Inhalte, für die die Meschen auch bezahlen.

Der Geschichtenerzähler

Journalisten werden weiter Geschichten erzählen.

Nun also die Frage: Hat Westbrook recht? Ja, hat er. Und nein, hat er nicht. In ein paar Punkten würde ich das Westbrook-Manifest unterschreiben, andere nicht.

In Redaktionen werden in Zukunft weniger Journalisten sitzen. Aber wird es deshalb mehr Freie geben. Ich bin mir da nicht sicher. Argumentieren wir an dieser Stelle mit Jeff Jarvis: Früher brauchte jede Zeitung einen Kinokritiker (wenn sie diesen Bereich nicht vernachlässigen oder mit Agenturmaterial auskommen wollte). Aber braucht es in einem Internet-Deutschland Hunderte Rezensionen ein und desselben Films? Wäre es nicht im Gegenteil sogar ein Vorteil, die besten Rezensenten könnten mehr Geld mit ihren Texten verdienen und alle Hobby-Kritiker würden Dinge tun, die sie besser können, als Filme zu bewerten? Das wäre sogar gut für die Qualität – und nebenbei kein Problem für eine ausreichende Pluralität an Meinungen. Also weniger feste Strukturen: ja. Mehr Journalisten frei: weiß nicht so recht. Spezialisten: ja, ganz bestimmt. Den Alleskönner: eher nicht, vor allem weil die meisten Alleskönner eben nichts alles wirklich können.

Vom Spezialisten ist es nur ein kleiner Hops zum Geschichtenerzähler. Auch in Zukunft wird es Aufgabe von Journalisten sein, Geschichten zu erzählen. Doch wie viele werden damit wirklich ausreichend Geld zum Leben (oder Überleben) verdienen? Einfacher wird da jedenfalls nicht. Auch in der Vergangenheit haben Amateure Zeitungslesern Geschichten erzählt: Schüler, die am Wochenende über das Schützenfest schrieben (war ich selbst dereinst), und Rentner, die auch aus der langweiligsten Jahreshauptversammlung der Kaninchenzüchter noch einen Bericht saugten. Da – nun schon seit Jahren – der Start eines eigenen Blogs – rein technisch betrachtet – ebenso leicht ist, wie sich eine neue E-Mail-Adresse bei einem beliebigen Anbieter zuzulegen, werden immer mehr Menschen einfach ins Netz schreiben.

Jetzt höre ich schon wieder die Stimmen: Das, was Journalisten können, das kann doch nicht jeder! Ja, stimmt. Nicht alles, was Journalisten können, kann jeder. Aber manche können einiges davon. Da draußen sind Menschen, die können zuhören, schreiben, fotografieren, filmen oder programmieren – und zuweilen die wildesten Kombinationen aus den Dingen, die Westbrook den Journalisten der Zukunft zuschreibt. Nehmen wir Das heddesheimblog meines geschätzten Kollegen Hardy Prothmann. Er wagt damit eine neue Form des Lokaljournalismus, nachzulesen in einem Interview von Thomas Mrazek auf onlinejournalismus.de. Das ist mutig. Und es ist spannend. So was können Journalisten, sollten sie zumindest. Aber ich glaube, es können nicht nur Journalisten. Wie gesagt, für die Lokalzeitung schreiben seit Jahrzehnten auch Amateure.

Damit sind wir schon bei einem weiteren Punkt, den ich nicht unterschreibe: Den Webdesigner braucht es nicht wirklich. Also natürlich brauchen wir Webdesigner, vermutlich mehr denn je. Aber guter Journalismus braucht keine Webdesigner. Da draußen gibt es heute schon unzählige Plattformen, die Publizieren zum Kinderspiel machen. Erst kürzlich, lieber Manz, vernahm ich, dass ein gewisser Manz vor posterous kniete (ich hingegen habe noch nicht verstanden, warum ich all das, was ich bei Facebook und Friendfeed zusammenführe, nun von posterous aus befeuern soll; das aber nur am Rande). Damit schließen Sie sich einem Redner zu Medienfragen an, der fast so bekannt ist, wie Sie selbst, lieber Manz: Jeff Jarvis warf vor ziemlich genau einem Jahr den Vorschlag in die Runde, die Verleger sollten nicht nur die Druckerpressen abschalten, sondern sich auch ihre kostspieligen Websites sparen; den Job könne doch Google übernehmen (wie groß diese Provokation war, können wir erst heute ermessen). Ergo: Liebe Kollegen, spart Euch den XHTML-Kurs in der Volkshochschule (eine Erkenntnis, über die niemand glücklicher ist als ich).

So, was vergessen? Ja, den Erneuerer und den Flexiblen. Die beiden unterschreibe ich sofort. Wir leben schon mindestens bis zu den Knien in einer neuen Medienwelt. Journalisten müssen dringend lernen, mit der Plattform Internet umzugehen und sie für ihre Geschichten zu nutzen. Wer nicht versteht, wie heute Twitter und Facebook funktioniert (und vielleicht auch, warum posterous toll ist *schäm*), wird das Netz und damit die Kommunikation der Menschen – also der Leser und Nutzer – in ein paar Jahren auch nicht verstehen – und sie kaum erreichen können. Journalisten werden nur dann Orientierung bieten können, wenn sie dort sind, wo die Leser sind. Und die sind im Netz.

An dieser Stelle dann noch eine These: Ich war erstaunt, als mir ein Kollege, der sich in Internetdingen ein wenig sehr gut auskennt, vor einem Jahr oder so sagte, Onlinejournalisten müssten alles können, also schreiben, filmen, schneiden und fotografieren sowieso. Das glaube ich nicht. Ich glaube sogar, dass es Onlinejournalisten bald nicht mehr geben wird. Die Gattungen werden verschwinden unwichtiger. Für Journalisten aber wird es essenziell, den Diskurs, der im Netz läuft, zu filtern und durch ihre Veröffentlichungen zu gewichten und auch zu moderieren.

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0 Antworten auf Warum Journalisten drei Dinge lernen sollten

  1. AUde sagt:

    Moin, Björn-San,

    schön, dass Du den Text von Westbrook zusammengefasst und übersetzt hast – würde nicht wundern, wenn Deine Zusammenfassung aus Deutschland mehr Klicks einheimst als das Original.

    In zwei Punkten bin ich nicht Deiner Meinung, und möchte sie darum ausführen:

    1.)
    Möglich, dass der Journalist der Zukunft (welch Terminus!) kein Webdesigner sein muss. Designer bestimmt nicht. Aber – rudimentäre – Kenntnis des Web, des Internet und deren Technologien auf jeden Fall.

    Und sei es nur für den Punkt, der mir in Westbrooks Auflistung schmerzlich fehlt: The Researcher, der Rechercheur. Ohne Kenntnis des Funktionierens des Internet ist das nicht möglich.

    Wir erleben gerade immer mehr Online-Presseenten, die durch simple Recherchekenntnisse hätten vermieden werden können – was eben nur zeigt, dass diese Desiderat sind.

    2.)
    Der “Alleskönner” (nach dem Diktum des sympathischen Dauerversagers Donald Duck* – “Ich versteh von allem was”) hat vielleicht wirklich keine Zukunft …es seie denn, man hiesse Donald und haette einen reichen Erbonkel.

    Was aber Zukunft hat, ist der, der sein Themengebiet wirklich kennt. Wichtig: Ein ‘Themengebiet’ ist keine ‘Nische’ des Spezialisten, es ist viel umfassender – etwa mag es dem Ressort entsprechen.

    Wer sich mit Intelligenz dauerhaft einem Themengebiet widmet, ist in der Lage, neue Fakten und Entwicklungen zu bewerten, einzuordnen, abzuschätzen – das ist weit mehr, als jemand kann, der erstmals von einem Faktum oder einer Entwicklung hört und dazu seinen Kommentar abgibt. Es ist die Nähe (ich möchte sagen, die Intimität) zum Thema, die einen guten Journalisten ausmacht (die Beherrschung des Handwerks vorausgesetzt).

    Fraglich, wie viele Kollegen sich diese Nähe noch werden leisten können.

    Egal, wie leuchtend die gluehende Zukunft ist, im Kern geht es darum, ob man genügend Pennunzen zusammenkratzen kann. Ob man durch das Arbeitsleben als Journalist den Rest dieses Lebens finanzieren kann. Oder, um nocheinmal Donald Duck* zu bemühen:

    “Das Leben ist am schwersten
    drei Tage vor dem Ersten.”

    (* Ich mag die Honneurs nicht schuldig bleiben: Wo ich Donald Duck zitiere, steckt Dr. Erika Fuchs dahinter.)

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