Das Internet-Manifest: Wenig neue Inhalte, aber mustergültig in Sachen Nachhaltigkeit

Lieber Sievers, was machen wir beide da eigentlich? Beide sind wir – bei aller Unterschiedlichkeit in der Betrachtungsweise – davon überzeugt, dass Social Media eine (kulturelle wie kommunikative) Revolution ist. Für den Journalismus genauso wie für die PR. Aber die Frage lautet: Wohin führt diese Revolution?  Gegenwärtig, so scheint es mir, überhitzt sich diese Revolution. Jeder will dabei sein. Etwas sagen. Und immer mehr immer weniger Stichhaltiges wird kommuniziert. Es ist also höchste Zeit, die Inhalte zu forcieren. Und sich das Web zu Nutze zu machen, um die gesteckten Ziele zu erreichen.

Just heute ist sollte genau dies geschehen. 15 Lautsprecher Vordenker haben gegen 11.00 Uhr das „Internetmanifest“ herausgegeben. In perfekter PR-Manier: Zeitgleich, aufeinander abgestimmt. Die Folgen würden jedem PRler das Herz höher schlagen lassen. Denn das ganze zieht seine Kreise. Sehr schnell. Rasend schnell sogar. Vor kurzem hat gar Jaff Jarvis höchstpersönlich dazu getwittert. Mehrmals. Ein weltweites Thema also.

Wie kommt es dazu? Liegt das am Inhalt, am Fachlichen? Oder v.a. an der Tatsache, dass eine abgestimmte Aktion von 15 (!) „Köpfen“ des Webs unweigerlich Gehör finden MUSS? Jedes zwischen, sagen wir, 15 Bundestagsabgeordnete Bundesliga-Managern abgestimmtes „Manifest“ würde sicherlich ebenso Wellen schlagen.  Aber eben vielleicht nur in der nächsten Tageszeitung. Was aber ist mit der Nachhaltigkeit, der Zeitachse? Der langfristigen Auffindbarkeit?

Wenden wir uns also den Inhalten zu. Sind sie für den kleinen Web-Tsunami verantwortlich, den wir Deutschen scheinbar auslösen? Was steht denn wirklich drin im Internetmanifest? Sehr viel Wahres. Aber meines Erachtens eben auch sehr wenig Visionäres. Exemplarisch sei in diesem Kontext auf Horizont-Chefredakteur Schütz verwiesen.

Und doch habe ich das Manifest gebookmarked. Denn: Es sind, allen – zumindest teilweise – fraglichen Formulierungen zum Trotz („es gibt kein zuviel an Informationen“; doch, die gibt es!) grundsätzlich richtige, und v.a. stark verdichtete und zugespitzte Thesen. Die zwar nicht allzu neu sind für jeden, der im Web kommuniziert. Und auch nicht nur den Journalismus betreffen. Sondern auch die PR, die Kommunikation als Ganzes.  Die man bei Diskussionen mit Web-kritischen Dialogpartnern daher Fach-übergreifend heranziehen kann.

V.a. aber habe ich es als „Business Case“ gebookmerked, weil es unter Garantie die Kernthese von Jarvis bestätigen wird, dass Verlinkungen das wichtigste sind, nachzulesen in seinen Veröffentlichungen oder bei der FAZ.

„Verleger müssen wie Google denken. Sie denken aber meist noch wie Yahoo, der letzte Vertreter der alten Medienunternehmen im Netz. Yahoo will die Inhalte besitzen und die Menschen dazu bewegen, auf die Yahoo-Seite zu kommen. Diesen Menschen soll dann so viel Werbung wie möglich gezeigt werden. Das ist das alte Modell. Google dagegen verteilt seine Produkte über das Internet, seine Landkarten, seine Videos und seine Werbung. Das ist das neue Modell. […] Das Schlüsselwort lautet Hyperlinks. Mit diesen Empfehlungen von anderen Internetseiten werden neue Leser gewonnen, die über die Marke nicht gekommen wären. Inhalte ohne Links haben wenig Wert im Netz.“

Mit jeder Verlinkung des Manifests zementiert sich die Wirkung. Unweigerlich. Langfristig. Unkontrollierbar für all diejenigen, die etwas anderes im Sinn haben (vgl. hierzu auch Meedia.de) . Und DAS ist m.E. das eigentlich spannende an dem Internetmanifest – es spielt und nutzt das Netz, und dessen Wirkmechanismus.

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0 Antworten auf Das Internet-Manifest: Wenig neue Inhalte, aber mustergültig in Sachen Nachhaltigkeit

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  2. Mirko Lange sagt:

    Ja, es war sicherlich eine sehr gute „PR-Leistung“, das mit den 15 Köpfen. Allerdings stelle ich genau deswegen ein Fragezeichen an die Aktion, weil es wieder das G’schmäckle eine „Nur-PR-Aktion“ hat.

    Meine Hauptkritik: Abgesehen von (scheinbaren?) inhaltlichen Schwächen (siehe Horizont Chefredakteur Schütz) finde ich es besonders sprachlich problematisch. Es liest sich eher wie ein Gesetzestext.

    Ich halte mich für zumindest durchschnittlich sprachbegabt. Und ich bin auch zumindest durchschnittlich in der Materie. Also Journalismus und Internet und so. Aber ich gebe zu: Ich habe ganz große Schwierigkeiten, die Thesen zu verstehen.

  3. jan sagt:

    Hallo Mirko,

    nun, ein Manifest ist ja so in etwa ein Gesetzestext, vgl. Wikipedia.. Daher erscheint die Sprache, nun ja, passend.

    Wie ich hoffentlich zum Ausdruck (auch so ne Sprach-Frage 🙂 ) bringen konnte, finde ich weniger die Inhalte, denn die ausgelöste Wirkung spannend. Was unweigerlich wieder zu der Frage einer „PR-Aktion“ führt.

    Ich glaube im übrigen NICHT, dass Social Media die Massenmedien ablösen werden; sondern viel eher, dass es zu einem neuen Gleichgewicht kommen muss und wird. Und dass sich kaum ein Medium darauf eingestellt hat. Aber das ist eine andere Diskussion.